Mit dem Handbohrmeißel zum Glück

 

Text: Katharina Schmidt

Foto: Evi Lemberger

 

Für Christian Hartl ist der Kaitersberg seit früher Jugend eine Kletter-Spielwiese. Er hat hier an die 150 Routen erschlossen, 2008 ist sein "Kletterführer Ostbayern" im Panico Alpinverlag erschienen. Und auch wenn er heute, mit 50, nicht mehr ganz so viel klettert wie früher - es lässt ihn nicht los.

 

 

Christian, wie fühlt sich der Fels am Kaitersberg an?

Er ist rau, hat Grip. Man kann eigentlich überall hintreten, ohne dass der Fuß wegschmiert. Wir haben im Bayerischen Wald im Vergleich zu vielen Bereichen der Alpen Urgestein. Das ist Gneis oder Granit, am Kaitersberg vorwiegend Gneis.

 

Der Kaitersberg ist einer deiner Hausberge. Wann und wo hast du das Klettern angefangen?

Das war 1985. Kann man sich heutzutage alles nicht mehr so ganz vorstellen, weil heute kannst du ja mit fünf einen Kletterkurs machen mit Einverständnis der Eltern. Ich wollte das schon früher anfangen, weil ich aus einer berg-narrischen Familie komme und mit fünf Jahren schon immer in den Bergen war. Dann hat es aber geheißen, wenn er 14 ist, dann darf er mitmachen beim Kletterkurs. Also hab‘ ich hart warten müssen, bis ich 14 war, dass ich dann einen Kletterkurs hab‘ machen können. Bei den Naturfreunden in Cham. Die gibt’s noch immer und es ist nach wie vor der kletteraktivste Verein bei uns im Landkreis Cham.

  

Und, wie war der Kurs?

Mit heutzutage unvorstellbaren Mitteln, sag‘ ich mal. Weil es hat keine Reibungskletterschuhe (Anm. d. Red.: leichte Kletterschuhe mit Gummisohle, heute Standard beim Klettern) noch nicht gegeben. Da sind die grad so herübergeschwappt von Amerika. Das da oben (Anm. d. Red.: zeigt auf ein paar blau-schwarze Kletterschuhe an der Wand in seiner Wohnküche, in der das Interview stattfindet), das sind Eb´s, das war der erste Reibungskletterschuh, den es überhaupt weltweit gegeben hat.

 

Sind das deine gewesen?

Nein, nein, das waren nicht meine, aber die hab‘ ich mir besorgt. Mein Kletterkurs, das war noch richtig, wie man es sich vorstellt mit ledernen, zwiegenähten, festen Bergschuhen. Dann hat es auch keinen Sportklettergurt nicht gegeben, sondern wir hatten einen Kombi-Gurt. Damals das Modell Futura S von Edelweiss. Das gibt’s natürlich nicht mehr, aber jeder, der was auf sich gehalten hat, der hat den Futura S braucht.

 

Also hast du den auch gehabt?

Den hab‘ ich auch gehabt. Irgendwann auch richtige Kletterschuhe, das war gerade so im Umbruch. Zuerst mit den Zwiegenähten, dann mit normalen Turnschuhen und dann nach drei Jahren hat man endlich auch bei uns so ohne Weiteres Kletterschuhe gekriegt, Reibungskletterschuhe.


Wo fanden so ein Kurs Mitte der 1980er Jahre statt, in der Halle oder am Fels?

Zu dieser Zeit hat es keine Kletterhallen gegeben. Das war viel aufwändiger, nicht so modular wie das heutzutage ist, dass es da einen Schein „Toprope“, einen Schein „Vorstieg“ und einen Schein „Von der Halle an den Fels“ gibt (Anm. d. Red.: heute gängige Kletterkurs-Gliederung). Das waren knallharte vier Wochenenden plus drei Theorieabende. Am Kleinen Pfahl bei Viechtach war der Anfang. Ein Wochenende war im Frankenjura und das vierte Wochenende ist man in die Berge, hat eine leichte Kletterei gemacht. Das war eine allumfassende Ausbildung mit Rettungstechnik und mobilen Sicherungsmitteln, soweit es die damals gegeben hat. Friends (Anm. d. Red.: mobiles Klemmgerät, um beim Felsklettern selbst Sicherungspunkte zu setzen) waren da erst am Aufkommen.

 
Du kletterst quasi schon fast dein ganzes Leben. Was macht diesen Sport für dich aus?

Es ist für mich Lebensinhalt. Ich sag allerweil, ich muss nicht suchen, weil ich hab‘ das gefunden im Leben, was mir taugt. Klettern ist für mich was zum Abschalten. Es ist ja nicht jeder Tag gleich und ab und zu hast privat irgendwas, was dich wurmt. Aber wenn ich zum Klettern geh, dann bin ich ganz beim Klettern. Insofern ist das ab und zu auch Therapie (lacht).


Kannst du das genauer beschreiben? Was taugt dir so dran, welche Momente sind das?

Das sind zum einen bestimmte Berge oder auch, mit wem du was gemacht hast. Ich hab‘ in relativ jungen Jahren schon einige Alpinklassiker gemacht, zu denen uns der Hirtreiter Sepp aus Viechtach immer mitgenommen hat. Das war für uns immer das große Vorbild. Der lebt auch noch. Übrigens der erste Deutsche am Dhaulagiri. Dem seine Sache war das Höhenbergsteigen. Der hat uns, da war ich 16, 17, ein bisschen gefördert, gerade im Alpinklettern. Er hat uns oft mitgenommen in die Berge, mich und meinen Bruder.

 

 

Fotos von Bruno, Oliver Hien, Sabine Kopp, Roland Benker, Gudrun Baumgartner, Matthias Hupf, Johannes Kauschinger, Marek Rottenborn, Michael Leibfruedm Christian Winter, Werner Deschinger, Bruno Hartl, Wibke Lembecker,  Joel

Also bist du durchaus umeinander gekommen. Was macht für dich den Bayerischen Wald aus?

Der Woid ist grundsätzlich meine Heimat. Ich sag allerweil, es gibt für mich bloß zwei Orte, wo ich wohnen möchte. Und das ist entweder der Bayerische Wald oder irgendwo in den Bergen, Dolomiten, Slowenien wäre auch noch vorstellbar. Manche kennen das nicht, aber ich bin schon heimatverbunden. Ich hab‘ einfach einen Bezug zu der Gegend. Und der Bayerische Wald, auch wenn man nicht alles ganz extrem machen kann, der bayerische Wald bietet echt eine Vielfalt. Du kannst wandern, du kannst Stand-Up-Paddeln, du kannst Kajak fahren, du kannst klettern, du kannst Gleitschirm fliegen, du kannst mountainbiken. Wir haben schon so ein kleines Paradies da.

 
Und was das Klettergebiet Bayerischer Wald?

Wir haben eine relativ gute Absicherung. Zumindest an den meisten Kletterfelsen. Wenn man einen Vergleich zieht mit dem nördlichen oder südlichen Frankenjura, da kann es dir passieren, dass du den ersten Haken, obwohl nicht leicht, auf zehn Metern Höhe hast. Plus weite Hakenabstände, wie in Prunn im Altmühltal, sechs Meter Hakenabstände, was praktisch ohne Seildehnung schon mal heißt, wenn du fliegst und kannst nicht zwischensichern, dann fliegst wahrscheinlich gleich 15 Meter. Das ist schon ein wesentlicher Unterschied, dass die meisten Felsen im Bayerischen Wald mittlerweile sehr gut erschlossen oder saniert worden sind. Und dabei auch die Historie berücksichtigt worden ist.

 
Das heißt?

Man bohrt nicht zusätzlich noch Haken dazu, man respektiert die Geschichte. Was man machen kann ist, den Erschließer zu fragen, hast du was dagegen, wenn ich da noch einen Haken zusätzlich setze. Hab ich auch schon gemacht und dann sagen die meistens Ja. Wir haben gottseidank im Bayerischen Wald nicht das Problem wie in anderen Klettergebieten, dass ein Kunstgriff in die Wand hineingeschraubt wird, weil ich will die Linie klettern, aber da gibt’s keinen Griff. Völlig krank. Also der Respekt vor der Historie und der Natur der sollte da schon nach da sein.


Für dich geht’s drum, die Natur so zu nehmen, wie sie ist, und dann zu schauen, was geht oder was geht halt dann auch nicht?

Ja genau, und wenn ich‘s nicht klettern kann, dann kommt vielleicht in zehn Jahren irgendein Youngster, der noch mehr trainiert und noch besser Kletterschuhe hat usw., und kann‘s halt dann klettern, siehe Adam Ondra, Wunderkind (Anm. d. Red: tschechischer Sportkletterer, *1993, der bereits im Alter von 13 Jahren zur Kletterweltelite zählte).

 

Du hast im Bayerischen Wald, gerade am Kaitersberg, um die 150 Kletterrouten erschlossen, bist hier so eine Art Kletterlegende. Blickst du da mit Stolz drauf?

Ich mach das nicht für andere, ich mach das für mich, weil ich irgendeinen schönen Ort, einen schönen Felsen finde. Dann schaut man sich das an und denk sich, Mensch, da könnte eine gute Linie gehen, das könnte gut sein. Und dann fängt man halt einmal an und wenn man dann da dran ist, dann erschließt man halt gleich einen ganzen Felsen am besten.

 

Wie bist darauf gekommen, selber zu bohren?

Indem, dass es zu wenig Routen gab und man neue Herausforderungen gesucht hat. 1985, mit 14, hab‘ ich einen Kletterkurs gemacht. Und dann waren wir ein paar so junge Wilde. In diesen Jahren hatte das ein bisschen mit Aufbegehren und Rebellion zu tun. Gegen die alten Trachtler mit ihren Bundhosen. Und gegen so alte festgefahrene Dinge, wie es gibt nichts Schwereres als den sechsten Grad (Anm. d. Red.: heute bis zum 11/12 Grad). Ich glaub, egal welche Sportart, es liegt ein bisschen an so jungen Wilden, die nochmal eine Grenze verschieben wollen.


Hat damals irgendwer was gesagt, dass ihr einfach Löcher in den Fels bohrt?

Das hat bis 2000 keine Menschen interessiert.

Fotos von Bruno, Oliver Hien, Sabine Kopp, Roland Benker, Gudrun Baumgartner, Matthias Hupf, Johannes Kauschinger, Marek Rottenborn, Michael Leibfruedm Christian Winter, Werner Deschinger, Bruno Hartl, Wibke Lembecker, 

Ihr seid also einfach hin, habt euch eine Wand ausgesucht und ...

Genau, du stehst vor einer Wand, und wie manche sehr gut Bücher lesen können in Rekordzeit, so können wir den Fels lesen. Du schaust dir das an und siehst, ok, also da geht eine Linie, da könnte was gehen und da drüben auch. Und dann legst du los. Natürlich brauchst du auch Erfahrung. Wo setz ich meine Haken hin, dass ich eine gute Klippposition hab‘? Dass ich den ersten, den zweiten und vielleicht auch den dritten Haken in solchen Abständen setze, dass wenn jemand ins Seil fällt, der nicht auf den Boden aufklatscht, war mir schon immer wichtig. Ebenso gutes und geprüftes Hakenmaterial zu verwenden – nix Selbstgebasteltes. So Überlegungen hat‘s. Ein Klettergarten ist kein Heldenfriedhof.

 
Und dann ging’s ans Bohren?

Aber das war nicht so wie heutzutage, dass ich meine Akku-Hilti rausziehe. Die ersten Routen, die haben wir mit der Hand gebohrt, mit dem Handbohrmeißel, wir hatten nix anderes. Und das, wo es am Kaitersberg deutlich härtes Gestein ist als z. B. der Kalk im Frankenjura. Da haben wir teilweise tagelang an einer Route gebohrt. Mit Sitzbrettern, weil da hängst ja für ein Loch Stunden dort, bis du es irgendwann einmal hast.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              

Wie hat das damals ausgeschaut am Kaitersberg, hat es da schon Routen gegeben?

 

H: Jaja, ich war nicht der erste Kletterer dort. Es hat da auch schon in den achziger Jahren einen Kletterführer gegeben. Meine erste Route am Kaitersberg ist 1990 entstanden. 
Grundsätzlich kann der Bayerische Wald mittlerweile ja auf eine über hundertjährige Klettergeschichte zurückblicken. Der Nordriß an den Rauchröhren, übrigends der schwerste Bayerwaldgipfel, wurde bereits 1919 erstbegangen.

 


Warum hast dir die ausgesucht?

 

H: Das hat mir halt gefallen. Das ist in diesem Bereich, wo dieses Riesendach (Klettergebiet Rauchröhren) ist am Kaitersberg oben. Und da sind rechts so mehrfach überhängende Dächer, das hat uns einfach gereizt. Da haben wir gewusst, das ist schwer. Wie schwer, haben wir jetzt nicht gewusst, das hat sich dann schon rausgestellt. Das haben wir auch nicht gleich klettern können. Aber wir wollten auf jeden Fall uns selber eine Route bohren. Also vielleicht auch, dass man sich denkt, ich will mich jetzt da verewigen.

 


Und so ist
 die Route Killerkondom entstanden. Ihr wart damals schon eher Exoten hier in der Gegend, oder?

 

H: Ja, schon. Ich kann mich noch gut erinnern. Ich hab‘ damals mit der Lehre angefangen und da kommen dann ja Versicherungsvertreter, die dir und deinen Eltern irgendwelche Versicherungen aufreden wollen, was du alles brauchst, wenn du ins Berufsleben einsteigst. Da ist der Vertreter von einer Unfallversicherung bei meinen Eltern im Wohnzimmer drin gehockt. Ob ich einen Sport mach. Sag ich, ja, Bergsteigen. Da sind dem alle Gesichtszüge entgleist. Der hat gemeint, ich bin lebensmüde, und da muss er erst mal schauen, ob das dann überhaupt geht, dass man da eine Unfallversicherung abschließt.